Hintergrund

Eine kurze Kulturgeschichte der balinesischen Schädelschnitzerei

1.  Modernes & mythisches Denken

Zwar hat das Motiv des Stier- oder Büffelschädels auch bei uns einen ikonischen Status und begegnet uns als Designklassiker in unterschiedlichsten Spielarten auf T-Shirts, in Logos, als Tattoo oder als Dekogegenstand, dennoch steht der Skull in der westlichen Welt – insbesondere als authentisches Naturprodukt – für manche unter dem Stigma, bloß ein morbider „Totenkopf“ zu sein, den man am ehesten noch mit einer Trophäe in der Jagdhütte assoziiert.

Doch das war nicht immer so, muss vielmehr noch als Produkt eines modernen, rationalisierten Weltbildes gelten. Denn in den alten, noch vom mythischen Denken bestimmten Zeiten, galt die ganze Natur als beseelt, als in einem engen, verfließenden Zusammenhang ohne feste Kategorien begriffen, der selbst die strikte Differenz von Leben und Tod aufhob. Aber selbst heute findet sich ein solch mythisches Weltbild noch bei den wenigen, unberührt gebliebenen Naturvölkern, und in tradierter Form auch in fortschrittlicheren Gesellschaften, wo es zumeist in Verbindung mit daran ansetzenden, religiösen Überzeugungen in oftmals jahrhunderte- oder sogar jahrtausendealten Riten und Traditionen lebendig gehalten wird.

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(c) Igor Tichonow/Shutterstock

2.  Balinesische Frühgeschichte

So auch auf Bali, dem berühmten Sehnsuchtsort im indischen Ozean, das bewundernd auch die „Insel der Götter“ genannt wird. Deren angestammte Bevölkerung und ihre Volkskultur war in ihrer Geschichte von verschiedenen Kulturen und Religionen beeinflusst und ist heute von einer spezifisch balinesischen Spielart des Hinduismus mit buddhistischen, aber auch starken, naturreligiösen Elementen des mythischen Animismus geprägt, welche immer noch in vielfältiger und ungewöhnlich intensiver Weise das alltägliche und religiöse Leben der Balinesen mitbestimmen.

Der besagte Animismus meint dabei die schon angesprochene Vorstellung der „Allbeseeltheit“, wie sie in allen ursprünglichen, ethnischen Religionen und Gesellschaften eine fundamentale Rolle spielt. Diese geht davon aus, dass alles in der Natur, ja selbst die unbelebten (nicht-organischen) Dinge eine individuelle Seele, spirituelle Essenz oder einen ihnen innewohnenden Geist besitzen.

Hier ist die erfahrbare, materielle Welt allerorts von einer immateriellen, geistigen Welt durchdrungen, sodass beide Welten gar nicht zu trennen sind. In allen Erscheinungen der Natur – sei es in Bäumen, Tieren, Felsen oder Orten – sind Geistwesen, Dämonen oder die zahlreichen Götter immerzu gegenwärtig. Überall sieht man wunderschöne Tempel oder Schreine, damit die Menschen beten und den Göttern gebührend opfern können (deshalb gilt Bali auch als die „Insel der tausend Tempel“).

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(c) Monika Vlageryte/Shutterstock

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(c) Guitar photographer/Shutterstock

3. Religiosität und Spiritualität auf Bali

Dabei ist diese Art Religiosität auch in ihrer alltäglichen Praxis nicht mit jener in westlichen Gesellschaften zu vergleichen. Hier geht es gerade nicht darum, in strikter Abgrenzung des Religiösen vom Profanen, zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten – wie beim Gebet oder im Gottesdienst –  (dem einen) Gott zu huldigen.

 

Die Religiosität auf Bali ist vielmehr eine spirituelle Lebensform, welche alle Bereiche des Lebens ganzheitlich umfasst und nachhaltig beeinflusst. Sie ist ihnen praktische, lebensleitende Ethik.

So praktizieren die Balinesen ihre Religiösität und Spiritualität ganz selbstverständlich in Ihrem Alltag. Religiöse Riten sind überall und durchgängig präsent und Grundlage des Zusammenhalts von Familie und Dorfgemeinschaft. Sie begleiten die Menschen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod und noch über ihren Tod hinaus, denn auch der Ahnenkult ist stark ausgeprägt. Ständig finden Feiertage, also rituelle Feste mit Umzügen, Tänzen oder sonstigen Vergnügungen statt, welche zumeist von einer Tempelzeremonie eröffnet werden.

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(c) Anek Soowannaphoom/Shutterstock

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(c) Cocos Bount/Shutterstock

Der Mensch selbst ist in einer universellen Polarität begriffen, deren Pole sich aber nicht bloß gegenüberstehen, sondern sich ergänzen und gegenseitig bedingen. In dieser Polarität sucht der Mensch sein Leben lang seinen harmonischen Platz im kosmischen Zusammenspiel und gutes Karma, was für die Lebenspraxis vor allem heißt: jederzeit das Richtige zu tun und das Falsche zu unterlassen.

Hier gibt es keine zentralen, religiösen Institutionen, kein für alle Gläubigen gleichermaßen verbindliches Glaubensbekenntnis oder eine verpflichtende Liturgie, ebenso keine Offenbarungsschriften wie im Christentum, Judentum oder im Islam. Das spirituelle Leben auf Bali ist ungemein vielfältig und facettenreich und unterscheidet sich nach der jeweiligen Region, aber auch nach dem individuellen Dafürhalten der Gläubigen.

 

So sind es auch diese verschiedenen, unterschiedlich gewichteten religiösen Einflüsse, die zahlreichen Gottheiten, Geister und Dämonen, die über 20.000 Tempeln und Schreine, die Verehrung der Natur und der eigenen Ahnen, das weit verbreitete Schamanentum oder auch die häuslichen Opferrituale, welche für staunende Außenstehende ein kaum überschaubares Mosaik religiöser und spiritueller Vielfalt ausmachen.

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(c) Arsa Ingin Moksa/Shutterstock

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4. Balis glückliche Rinder

Diese ganzheitliche, spirituelle Weltsicht, welche alle beseelten Geschöpfe in einem gemeinsamen Kosmos eng miteinander verbindet, erklärt auch die besondere Beziehung der balinesischen Landbevölkerung zu ihren Nutztieren, vor allem zu ihren Rindern, die im Hinduismus generell als heilige Tiere gelten und zu besonderen Anlässen auch prächtig geschmückt werden.

So zeigen die Einheimischen eine außergewöhnliche Zuneigung und Liebe zu ihren Kälbern, Kühen und Büffeln, welche aufgrund ihrer Sanftmut und ihrer hilfegebenden, wohlwollenden Natur auch eng mit Fruchtbarkeit und der Mutter Erde in Verbindung gebracht werden. So dienen die Rinder als Milch-, Dünger- oder Lederlieferant, wie auch als Arbeitstier in der Landwirtschaft (das Fleisch ist für Hindus tabu).

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Weil Ihnen auch der Tod nur ein neuer Horizont und ein Neubeginn innerhalb eines ganzheitlichen Kosmos ist, und um sich daran zu erinnern, wie viel ihnen das geliebte Tier gegeben hat, bewahrten die Ureinwohner Balis die Schädel ihrer Tiere auf und machten sie zum Gegenstand kultischer Verehrung.

Zum heiligen Objekt, welches sie auf gut sichtbaren, höher gelegenen Orten platzierten, damit es aus Dankbarkeit den Tieren gegenüber jederzeit gewürdigt werden konnte und die Menschen daran erinnerte, dass das Leben ein unvergleichliches Geschenk ist, welches wir schätzen und keinesfalls vergeuden sollten.

5. Kunsthandwerk als Ausdruck der Zuneigung und Würdigung

Als Zeichen ihrer großen Zuneigung und Ehrfurcht begannen die Menschen im Laufe der Zeit auch zusehends, die Schädel der verehrten Tiere künstlerisch zu gestalten um diese in spirituelle Kunstwerke zu verwandeln, indem man diese mit ansprechenden Steinen und Farben oder auch mit Schnitzereien (z.B. Abbildungen von Göttern) verzierte. Manche dieser Schädel dienten auch zu rituellen Zwecken und zur Verehrung der Götter, was immer auch von Musik, Tanz, Masken und Kostümen begleitet war.

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(c) Sirisak Baokaew/Shutterstock

Diesen kulturgeschichtlichen Hintergrund vor Augen, wird auch deutlich, dass diese Schädel dort eben nicht als bloße „Totenköpfe“ gelten können, sondern immer auch das Leben in seiner ganzen Fülle zelebrieren. Sie sind ein Zeichen tiefsten Respekts und dankbarer Würdigung der Natur im Allgemeinen, wie des Tiers, das Ihnen so viel gegeben hat, im Besonderen. Sie sind ein Symbol dafür, was war, was ist und was in Zukunft noch sein wird.

6. Eine jahrhundertealte Handwerkstradition

Aus diesen spirituellen und kulturgeschichtlichen Grundlagen entwickelte sich schließlich auch die nun schon so viele Jahrhunderte alte, hoch angesehene Tradition der balinesischen Schädelkunst-Schnitzerei, welche in der Kleinstadt Ubud im Zentrum der Insel ihr kulturelles Zentrum gefunden hat und in der Welt ihresgleichen sucht.

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(c) OULAILAX NAKHONE/Shutterstock

Ein Kunsthandwerk, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und dessen Perfektionierung jahrelange Übung und Hingabe erfordert.

Jedes dieser kunsthandwerklichen Stücke ist dabei immer auch Träger dieser jahrhundertealten Tradition und Geisteshaltung und hilft das einzigartige, kulturelle Erbe Balis nicht nur zu bewahren, sondern auch lebendig zu halten.

Die Schädel werden jedenfalls auch heute noch im Einklang mit Tradition und religiösen Moralvorstellungen als Nebenprodukte der ganzheitlichen Verwertung der Tiere gewonnen.

Denn schon seit grauer Vorzeit war es gängige Praxis, dass alle Teile des Rindes wertschätzend verwertet und möglichst nichts verschwendet werden durfte. Das Fleisch dieser heiligen Tiere ist - wie schon erwähnt - für gläubige Hindus jedoch tabu.

 

Die Kühe und Büffel hatten in aller Regel jedenfalls – damals wie heute - ein gutes und erfülltes Leben und wurden immer mit großem Respekt und Zuneigung behandelt.

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(c) Suthichai Hantrakul//Shutterstock

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(c) Pav-Pro Photography/Shutterstock

SKULLs sind also viel mehr als nur edle Deko, sie sind Hommage an die balinesische Kulturgeschichte und Lebensweise, und damit auch Ehrerbietung an die lebensstiftende Natur und ihre Geschöpfe.

Nur noch ein weiterer Grund, sich ein solch einzigartiges Stück Bali auch in die eigenen vier Wände zu holen.

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